Medizinische Kommission des DFB fordert Basis-Untersuchungen für Kopfverletzungen im Fußball

- Stellungnahme der Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie (GSNP) -

Die Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie e.V. (GSNP) begrüßt die aktuelle Entscheidung der Medizinischen Kommission des DFB, wonach alle Spieler der 1. und 2. Bundesliga ab der kommenden Saison ein sogenanntes Baseline-Screening im Hinblick auf mögliche Kopfverletzungen durchlaufen müssen.

Die GSNP begrüßt ebenfalls den Weitblick der Medizinischen Kommission, den Vereinen hinausgehend über den zunächst vereinbarten Minimalstandard die Zusammenarbeit mit neurologischen Zentren zu empfehlen. Mit diesen soll eine Testung erarbeitet werden, die eine adäquate Wiederholungstestung im Falle einer Kopfverletzung ermöglicht.

SCAT5 als Minimalstandard nicht ausreichend

Der bisher vereinbarte Minimalstandard umfasst das Sport Concussion Assessment Tool (SCAT5). Das SCAT5 ist ein Screening-Verfahren zur orientierenden Erfassung von Symptomen einer Gehirnerschütterung unmittelbar nach dem schädigenden Ereignis. Das Tool beinhaltet ein kognitives Screening, das allerdings aufgrund mangelnder testpsychologischer Qualität keine hinreichend belastbaren Erkenntnisse darüber liefert, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt, wie schwer die Verletzung ist oder das den Verlauf der Erholung abbilden könnte. Eine Fehleinschätzung allerdings kann bedeuten, dass ein Spieler den Sportbetrieb zu früh aufnimmt und damit ein deutlich erhöhtes Risiko einer weiteren (Kopf)verletzung aufweist oder noch auf der Bank sitzt, obwohl er bereits einsatzfähig wäre.

Erfreulicherweise sind geeignete Testverfahren und Handlungsstandards im Bereich der kognitiven Hirnleistungen nach Gehirnerschütterungen im Sport bereits verfügbar. Schon vor 3 Jahren haben Experten im Auftrag der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG), welche die Berufssportler bei Sportunfällen versichert, Standards für die Baseline-Untersuchung und die Wiederholungsuntersuchung nach Kopfverletzungen entwickelt.

 

Bei diesem „Algorithmus zur praxisgerechten Diagnostik und Therapie von Schädel-Hirn-Traumen im Sport“ (2016) kommen ausschließlich Verfahren zum Einsatz, die strengen wissenschaftlichen und testpsychologischen Kriterien genügen. Die Verfahren haben sich bereits jahrelang in der neuropsychologischen Forschung und klinischen Anwendung bei neurologischen Patienten bewährt. Ausgewählt wurden Tests für jene kognitiven Funktionsbereiche, die sich nach Gehirnerschütterung als besonders häufig betroffen gezeigt haben (verschiedene Aufmerksamkeits- und Gedächtnisparameter, visuelle Wahrnehmung, übergeordnete Exekutivfunktionen).

Interdisziplinäre Expertenuntersuchung für professionelle Athleten

Die Durchführung und Interpretation dieser kognitiven Testverfahren obliegt spezialisierten Klinischen Neuropsychologen. Diese erfassen über die testpsychologischen Daten hinaus auch Aspekte, die sich in der klinischen Forschung als maßgeblich für den Verlauf der Erholung nach Gehirnerschütterung gezeigt haben, wie etwa psychische, psychosoziale, umweltbezogene und motivationale Faktoren. Erst durch die Gesamtschau dieser Bereiche kann, zusammen mit der Einschätzung der anderen Fachdisziplinen, ein valides Urteil über das Ausmaß der Verletzung, den Grad der Erholung nach Gehirnerschütterung und den geeigneten Zeitpunkt des Wiedereinstiegs in den Sport getroffen werden sowie komplizierte Genesungsverläufe adäquat eingeordnet und behandelt werden.

Nur eine umfassende Untersuchung aller relevanten Funktionsbereiche nach gängigen wissenschaftlichen Standards wird der immensen Komplexität einer Gehirnerschütterung im Spannungsfeld des Spitzensports gerecht. Ziel ist immer, einen Sportler so schnell und gleichzeitig so sicher wie möglich in den Sport zurückzuführen und so das Risiko erneuter Verletzungen sowie chronischer Schäden zu minimieren.

Die Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie hat entsprechende Netzwerke von speziell ausgebildeten Sport-Neuropsychologen aufgebaut (www.gsnp.de). Darüber hinaus zertifiziert die GSNP sog. Concussion Center, welche als Verbund verschiedener Berufsgruppen (Sport-Neuropsychologen, Sportmediziner, Neurologen oder Neurochirurgen und weitere) kopfverletzte Sportler untersuchen und behandeln. Professionelle Athleten brauchen professionelle Untersuchungs- und Behandlungsmethoden!

Der Vorstand der GSNP e.V.