Neueste Erkenntnisse zum Thema Gehirnerschütterung

Führende Expertinnen und Experten aus dem deutschsprachigen Raum diskutierten in Salzburg

(von Angelika Pehab, Salzburg)

Vor allem im Wettkampfsport passiert er häufig: der Kopfanprall. Sei es durch einen Sturz, einen Zusammenprall oder den klassischen Kopfball. Die Folge kann eine Gehirnerschütterung sein, deren Auswirkungen lange Zeit unterschätzt wurden. Mit neuesten Erkenntnissen dazu trafen sich Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis zur GSNP-Tagung 2022 im Hotel Heffterhof in Salzburg. Zwei Fußballspieler prallen aneinander, einer davon fällt zu Boden und ist kurz bewusstlos. Diagnose: Gehirnerschütterung. Doch die Symptome sind nicht immer eindeutig und können durchaus (Langzeit-)Folgen hervorrufen. Um auf die Bedeutung sportbedingter Gehirnverletzungen aufmerksam zu machen, tauschten sich Sport-NeuropsychologInnen, SportmedizinerInnen, TrainerInnen und PhysiotherapeutInnen im Rahmen der Jahrestagung der „Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie“ am 24. und 25. Juni 2022 in Salzburg aus.

Forschung trifft Praxis und umgekehrt

Im Rahmen von Workshops, Vorträgen und einer Podiumsdiskussion wurden verschiedene Schwerpunkte rund um Diagnostik, funktionelle Bildgebung bei traumatischen Hirnschädigungen, Auswirkungen von Kopfbällen auf Funktion und Struktur des Gehirns, physiotherapeutische Strategien und Praxiserfahrungen thematisiert. „Dieser persönliche Austausch hilft uns auch bei der Bildung regionaler Expertennetzwerke. Schließlich ist unser aller Ziel, die höchste Qualität in der Versorgung betroffener AthletInnen “, so Tagungspräsidentin Bernadette Maurer-Grubinger, welche die Veranstaltung in Kooperation mit GSNP, Neuroraum und dem Österreichischen Bundesnetzwerk Sportpsychologen (ÖBS) organisierte.

Interdisziplinärer Zugang verbindet

In seinen einleitenden Worten betonte der Geschäftsführer des ÖBS, Sportpsychologe Patrick P. Bernatzky, die Bedeutung der Kompetenzentwicklung als vorbeugende Maßnahme. Techniken wie Visualisierung, Regulation und Präsenztraining können dahingehend hilfreich sein. Ein Concussion-Ereignis ist dann praktisch der Wendepunkt, ab dem das Krisenmanagement eintritt. Der Salzburger Sportpsychologe und NeuroWissenschaftler Fabio Richlan gab bisher unveröffentlichte Einblicke in eine AmateurspielerStudie mit jungen Fußballern, wonach er durch MRT-Messungen unter anderem Rückschlüsse auf Veränderungen der grauen Hirnmasse nach Kopfbällen, Kopfstößen und aufgrund des privaten Videospielverhaltens ziehen konnte. Die Brücke hin zur Praxis baute der ehemalige Teamarzt von Red Bull Salzburg, Jürgen Herfert. Er arbeitet mittlerweile mit einem ambitionierten Team im Red Bull Athlete Performance Center in Thalgau und weiß um Diskrepanzen, die sich zwischen Athleten, Trainern, Managern und der medizinischen Anweisung eines Teamarztes nach einem Impakt auftun. Mit einem spannenden Fallbeispiel eines verunglückten Eishockey-Schiedsrichters, der unter massiven Folgen zweier Concussion-Ereignisse leidet, gab GSNP-Psychologin Sarah Jäckle aus Würzburg tiefe Einblicke in die Arbeit der Sport-Neuropsychologie und ihre Möglichkeiten.

Erfahrungsberichte aus dem Profifußball von Franky Schiemer

Als Stargast in der Runde durfte Ex-Nationalfußballer Franky Schiemer begrüßt werden. Er stellte klar, wie sehr er früher die Auswirkungen von Kopfbällen und Kopfzusammenstößen unterschätzt hat. Mittlerweile ist er ausgebildeter Trainer und sieht Concussion-Ereignisse weitaus kritischer. Zudem fordert er neue Regeln im Profifußball, wonach es nach einem Kopfstoß eine zusätzliche Möglichkeit des Spielerwechsels bräuchte. Auch im Training gäbe es gute Ansätze, Kopfbälle künftig verstärkt mit Virtual-Reality-Brillen zu simulieren. Diese kommen bereits in der REHA zum Einsatz.

Referenten Gruppe GSNP  pehab schiemer 

Foto 1: ExpertInnen der GSNP-Tagung (v.l.): Sportarzt Jürgen Herfert, Sportpsychologe Patrick P. Bernatzky, GSNP-Psychologin Sarah Jäckle, Neuro-Wissenschaftler Fabio Richlan und Neuro-Wissenschaftler Stefan Blaschke.

Foto 2: Im Talk mit Moderatorin Angelika Pehab gab Ex-Fußball-Nationalspieler Franky Schiemer Einblicke in seine Concussion-Erfahrungen aus Sicht des Spielers und des Trainers.